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Der Mainstream

Das Thema des heutigen "wewritewednesdays" auf Instagram veranlasst mich dazu, hier nochmal einen Blogeintrag zu verfassen. Zeichenbegrenzungen sind nicht so cool, daher befasse ich mich hier einmal genauer mit dem Thema "Mainstreamtauglichkeit".

 

Also: Schreibe ich mainstreamtauglich?

Was bedeutet mainstreamtauglich? Was heißt "mainstreamtauglich schreiben"?

Ich packe euch erstmal eine Definition von Wikipedia zum Thema Mainstream in diesen Text: Mainstream ([ˈmeɪnstriːm], englisch "Hauptströmung"[1]) spiegelt den kulturellen Geschmack einer großen Mehrheit wider, den Massengeschmack der Massenkultur im Gegensatz zu Subkulturen oder dem ästhetischen Underground.

 

Long Story Short: Richte ich mich beim Schreiben nach dem kulturellen Geschmack der großen Mehrheit?

 

Kurze Antwort: Nö.

 

Längere Antwort – sonst würde ich dazu keinen Artikel verfassen: Bitte einfach weiterlesen!

 

Die Autorin Sally von Instagram hat freundlicherweise einmal die aktuellen Mainstreamthemen der Buchkultur mit in ihren Post geschrieben: LGBTQ, New Me, Rocky Mountains, Island, Country Side, Body Positivity und bei historischen Romanen Schönheitsprodukte und Tee.

 

Ich muss vorab einmal sagen, dass dieser gesamte Text hier meine Meinung widerspiegelt. Ich weiß, dass es sich bei dem Thema "schreiben für den Mainstream" oder "schreiben als Dienstleistung für den Leser" um ein sehr kontrovers diskutiertes Thema handelt. Um ein Thema, was schnell zu hitzigen und teils bösen Diskussionen führt. Daher noch einmal: Es ist meine Meinung, natürlich dürft, könnt und sollt ihr das gern anders sehen. Alles easy – aber nehmt bitte auch hin, wenn andere Menschen nicht dieselben Ansichten haben.

 

So, weiter im Text.

 

Ich finde, dass man sich nicht nach den aktuellen Themen richten sollte, wenn es darauf hinausläuft, dass man seine eigenen Träume nicht verschriftlichen kann.

 

Was meine ich damit?

 

Die meisten von uns - denke ich – haben das Schreiben begonnen, weil es für uns einen lang gehegten Traum darstellt. Weil wir das Schreiben lieben und vielleicht, weil wir den Menschen dort draußen etwas mitzuteilen haben. Ich für meinen Teil möchte meine Leser gerne ein Stück weit aus diesem Leben entführen und in meine Geschichten mitnehmen – sie den Alltag eine Zeit lang vergessen lassen. Ich möchte, dass sich jeder irgendwie in meine Figuren hineinversetzen kann, dass jeder Mensch sich als Mensch wahrgenommen fühlt und sich nicht irgendwelchen Diskriminierungen ausgesetzt sieht.

 

Ich schreibe über kritische Themen – verpackt in Fantasy –, über Ausgrenzung aufgrund von Andersartigkeiten, aber auch über Liebe (auch gleichgeschlechtlich) und das alles, ohne diese Themen explizit zu erwähnen. Sie fließen mit und wenn man aufmerksam liest, wird man immer wieder Anspielungen finden, man wird feststellen: "Oh, das kann man auch auf unsere Welt beziehen" und "Oh, so habe ich das noch gar nicht gesehen.".

Warum ich "großen Themen" wie LGBTQ oft aus dem Weg gehe

Für mich persönlich sind viele Dinge so selbstverständlich, dass ich jedes Mal aufs Neue schockiert bin, was man so alles in Sätze reininterpretieren kann. Ich möchte aber auch nicht jedes einzelne Wort auf die Goldwaage legen, weil ich mir dann nicht vorkäme, als würde ich jeden gleich behandeln. Für mich sind alle Menschen völlig gleich, für mich sind gleichgeschlechtliche Beziehungen völlig normal und damit ist für mich auch dieses ganze LGBTQ Thema oft unverständlich.

 

In "Das Licht der Toten", in welcher die Untoten separiert von den Menschen leben und dort eine Gesellschaft voller Liebe aufgebaut haben, verliebt sich meine Protagonistin Evelyn in eine andere Frau. Als sie das erste Mal in das Dorf der Menschen gelangen, erfahren sie, dass es für ihre Liebe einen Begriff (Homosexualität, lesbisch) gibt. Evelyns Geliebte sagt daraufhin: "Ihr habt einen Begriff dafür? Warum?"

 

Genau das ist es, was ich mich jedes Mal Frage, wenn ich mich mit solchen Themen konfrontiert sehe: Warum? Warum muss man alles benennen, warum kann nicht alles einfach normal sein? Vermutlich sperre ich mich deswegen so massiv dagegen, LGBTQ Themen in meine Bücher zu packen. Es ist halt für mich völlig normal, dass man als Frau eine Frau lieben kann/darf (ich bin, muss man dazu sagen, selbst bisexuell, vielleicht liegt es daran?), dass Menschen in den falschen Körper hineingeboren werden und sich dann den richtigen mit der heutigen Technik geben lassen wollen. Für mich ist es normal, dass man einander respektiert, völlig gleich, was für Präferenzen man hat oder was für eine Hautfarbe man hat.

 

Es ist für mich so normal, dass es mich beinahe schon nervt, immer wieder damit konfrontiert zu sehen. Dass es mich nervt, wenn ich als Rassistin bezeichnet werde, weil bei mir Dämonen, Engel und Menschen schlicht unterschiedliche Rassen sind. Ein Mensch ist ein Homo Sapiens, ein Dämon hat eine andere Evolutionsgeschichte und mit dem Homo Sapiens so wenig zu tun wie ein Hund. Sicher könnte ich damit auch sagen: Ein Dämon gehört einer anderen Art an. Aber für mich gibt es da keinen Unterschied. Es nervt mich, mich für alles zu rechtfertigen oder mich in irgendwelche Nischen pressen lassen zu müssen. Ich muss nicht in jedem Buch eine Romanze packen. Ich muss nicht überall das Thema LGBTQ oder Rassismus aufgreifen, nur, damit ich die derzeitigen großen Themen dieser Welt aufgreife.

 

Was ich als Autor vor allem muss – oder möchte – ist, ein Vorbild sein.

 

Und das kann ich nicht, wenn ich schreibe, was andere wollen. Das kann ich nicht, wenn ich zwanghaft Themen behandel, die ich nicht behandeln will.

 

Jeder Mensch ist gleich, jeder Mensch ist normal – und deswegen gewisse Themen verstärkt zu behandeln, macht diese Menschen für mich irgendwie … unnormal? Bitte steinigt mich nicht, ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll. Für dieses wichtige Thema gehen mir tatsächlich die Worte aus. Ich bin der Ansicht, wenn man etwas immer wieder thematisiert, immer wieder hervorhebt, macht man ein Thema … abnormal. Weil man es eben über andere Themen hebt.

 

Beispiel: Wenn jeder Mensch akzeptiert, dass es verschiedene sexuelle Ausrichtungen gibt, ist jeder Mensch gleich. Wenn man jetzt aber (übertrieben gesagt!) In jedem Buch eine Homoromanze schreiben muss, einfach, weil es ein angesagtes Thema ist, dann stellt man die gleichgeschlechtliche Romanze als etwas Besonderes dar. Als etwas Andersartiges, etwas Besonderes, auf was man das Augenmerk legen soll. Versteht mich nicht falsch: Ich meine nicht, dass man, sobald so etwas vorkommt, aussagt, es ist etwas Besonderes. Aber eben, sobald man es immer wieder thematisiert, einfach, weil … es angesagt ist?

 

Die Welt ist bunt. Eure Welt ist bunt. Es gibt doch alles Mögliche? Wieso muss dann irgendetwas zwangsläufig vorkommen? Wenn in meinen Büchern etwas LGBTQ-lastiges vorkommt, ist es okay. Wenn nicht, dann auch. Warum muss ich mich da nach irgendwelchen Mainstreamthemen richten?

 

Ich schreibe lieber so, dass klar wird, wie ich darüber denke. Dass klar wird, dass ich mir eine Welt wünsche, in der jeder Mensch gleich ist. In der es egal ist, wie du aussiehst, wie du sprichst, was du trägst oder wie du liebst. Eine Welt, in der jeder dem anderen mit Respekt begegnet. Das ist es, was ich mir wünsche. Und das ist es, was ich schreibe: Über den Mut, zu sich selbst zu stehen. Über Menschen (oder andere Wesen) die einander ohne Vorbehalte lieben dürfen oder über Menschen (Wesen) die lernen, dass man einander ohne Vorbehalten lieben dürfen sollte.

 

Daher: Nein, ich richte mich nicht nach dem Mainstream.

Über Themen wie beliebte Handlungsorte, Body Positivity oder New Me

Auch ohne diese Gründe würde ich es nicht tun, weil ich denke, man sollte schreiben, worauf man Lust hat. Ich denke, es war unser aller Traum, mit dem Schreiben anzufangen, weil wir schreiben wollten. Wir sind Künstler – Künstler sind eigensinnig. Ich könnte mich nicht in eine Form pressen lassen, könnte nicht meine Themen oder gar mein Genre nach dem Markt auswählen.

 

Habe ich Angst, dass ich deswegen weniger Anklang finde?

 

Das ist eine Frage, die bekomme ich oft gestellt. Auch hier: Nein. Ich glaube fest daran, dass man, wenn das Handwerk sitzt, auch mit anderen Themen überzeugen kann. Ich denke diesbezüglich immer gerne an die großen Werke von J.K.Rowling (Harry Potter), C.S.Lewis (Chroniken von Narnia), J.R.R. Tolkien (Herr der Ringe) oder Stephanie Meyer (Twilight). Soweit ich weiß haben alle einfach geschrieben, was ihnen in den Sinn kam. Der Markt wusste gar nicht, dass er das wollte, aber als es veröffentlicht wurde, wollte auf einmal jeder Twilight lesen, Harry Potters Leben verfolgen oder in Tolkiens/Lewis Welten hinabtauchen.

 

Was will ich damit sagen?

Der Markt ist wandelbar. Der Markt ist beeinflussbar.

Ich glaube fest daran, dass man die Leute auch mitreißen kann, ohne nach dem zu schreiben, was die Marktforschung rausgefunden hat. Sicher ist der Weg dann vermutlich steiniger, weil man mit einer Menge Absagen leben muss, aber ich glaube, dass man so langfristig gesehen glücklicher ist. Und glücklich zu sein ist unheimlich wichtig. Wichtiger als Verkaufszahlen, wichtiger als Verträge und wichtiger als irgendwelche Mainstreamthemen.

 

Was Mainstream ist entscheidet die Mehrheit. Was auf dem Markt beliebt ist, entscheidet die Mehrheit. Und die Mehrheit ist beeinflussbar – warum also nicht versuchen, die Mehrheit mit seinen Träumen zu beeinflussen? Was, wenn eure Träume den Markt wandeln? Was, wenn eure Träume die Menschen anstecken?

 

Um zum Abschluss zu kommen: Natürlich darf jeder schreiben, wie und was er möchte. Ich finde es bewundernswert, wenn Autoren ihre Bücher nach den Vorlieben des Marktes schreiben können. Ich bin dazu nicht fähig, das weiß ich.

 

Generell finde ich es einfach wichtig, dass man jeden so nimmt, wie er ist – wie oft habe ich schon erlebt, dass man angegangen wurde, weil man nicht nach dem Markt schreibt? Schon oft habe ich erlebt, wie Autoren, die sich nach dem Markt richten und die, die es nicht tun, einander regelrecht zerfleischen. Wie ein jeder dem Anderen quasi das Recht zu schreiben absprechen wollte. Wie Marktvorlieben, Gendersternchen, Schreibregeln etc. pp. dafür gesorgt haben, dass man sich gegenseitig fast schon das Existenzrecht absprechen wollte. Und nein, ich übertreibe nicht – all das habe ich sowohl schon gehört, als auch selber erlebt.

 

 

Und das, finde ich, ist das größte Problem. Der fehlende Respekt und die fehlende Akzeptanz. Wir sind doch alle Autoren. Wir haben alle ein gemeinsames Hobby, einen gemeinsamen Job: Das Schreiben. Also warum schätzen wir einander nicht, profitieren von unseren Erfahrungen und durchleben das "Abenteuer Schreiben" gemeinsam?

 

Hiermit verabschiede ich mich von euch – vielleicht konnte ich ja den einen oder anderen erreichen. Vielleicht teilt jemand meine Gedanken.

 

Eure

Nathalie

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