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Kill your Darlings

 

Heute geht es um ein Thema, welches wohl jeden Autor irgendwann einmal an den Rand der Verzweiflung bringt. Gemeint ist hierbei “Kill your Darlings” – was auf Deutsch “Töte deine Lieblinge” heißt.

Worum geht es – Allgemein

 

Mit diesem Satz ist natürlich nicht gemeint, dass ihr einfach alle eure Lieblingscharaktere tötet. Genau genommen geht es hierbei nicht nur um Charaktere, sondern auch um alles andere, in was ihr viel Zeit und Herzblut gesteckt habt. Sei es ein eigens erstelltes System, eine coole Waffe, eine Person, ein Tier oder gar ein gesamtes Kapitel – alles kann ein “Darling” sein.

Und “Kill” heißt hier nicht “töten” im Sinne von: sie müssen im Buch sterben – sondern streichen.

Kurz gesagt geht es darum, seine Lieblinge aus seinem Roman zu streichen – aber warum?

 

Wieso, weshalb, warum?

 

Es gibt leider immer wieder Dinge in Romanen, die redundant sind – also, die man streichen kann, ohne, dass sich die Geschichte hierbei verändert.

Sei es ein Charakter, den ihr erstellt habt, der aber im Endeffekt nur mitläuft und keinen wirklichen Sinn verfolgt. Eine Waffe, an der ihr ewig gefeilt habt, deren Fähigkeiten aber nie benötigt werden. Ein Land, welches ihr euch ausgedacht habt, welches aber nur einmal erwähnt wird und keine wirkliche Rolle spielt. Oder ein Kapitel, in welchem eure Charaktere sich über Gott und die Welt unterhalten.

 

Manchmal ist es aber so, dass man an solchen Dingen hängt – vielleicht ist der Charakter an eine gute Freundin angelehnt, das Land an einen Wunsch von euch oder die Waffe an eurem liebsten Videogame. Vielleicht wolltet ihr mit einem zusätzlichen Kapitel Nähe zu den Charakteren schaffen, ihre Persönlichkeiten vertiefen und ein paar Hintergrundinformationen liefern.

Viele Autoren wollen überhaupt nicht sehen, dass es “unnütze Dinge” in ihren Romanen gibt – hat nicht alles einen Sinn, wurde mit Liebe erstellt und besitzt daher ein Existenzrecht in eurem Manuskript?

 

Ja, aber Nein.

 

Über den Mut, Sachen zu streichen

 

Manchmal bringen euch Sachen, die ihr mit viel Liebe erstellt habt, einfach nicht weiter. Es klingt grausam, aber es gibt leider immer wieder Dinge, die man rigoros streichen kann - auch ich komme immer wieder in den zweifelhaften “Genuss”, liebevoll erstellte Personen oder geschriebene Kapitel zu löschen.

 

“Kill your Darlings” soll aber nicht bedeuten, dass man alles streichen soll – vielleicht kann man einigen Charakteren einen Sinn geben, wenn man noch einmal darüber nachdenkt? Manchmal geht sowas, manchmal funktioniert es nicht. Professionelle Autoren (also mehrfach verlegte, wozu ich (leider) (noch) nicht zähle) raten des Öfteren dazu, so sparsam wie möglich zu schreiben. Alles, was nicht irgendwie einen Sinn hat, wird rigoros gestrichen.

 

Ich persönlich stehe solch extremen Meinungen immer etwas kritisch gegenüber – egal, ob es um “Kill your Darlings” oder “Show, don’t tell” (oder ähnlichem) geht. Genauso, wie ich bei “Show, don’t tell” der Meinung bin, dass man einige Dinge einfach zeigen muss, bin ich bei “Kill your Darlings” der Ansicht, dass es Charaktere geben sollte, die eine etwas geringere Rolle spielen.

 

Aber eben nur eine etwas geringere Rolle.

 

Wie genau findet man denn nun potenzielle “Kill”-Kandidaten?

 

Da so ziemlich alles ein potenzieller “Kill”-Kandidat sein kann, ist diese Frage nicht so leicht zu beantworten.

 

Wie gehe ich vor?

 

Zuerst: Das ist nur mein Weg, vielleicht funktioniert bei euch etwas anderes besser – lasst es mich gerne wissen!

 

Ich schreibe zuerst einmal einfach drauflos. Ich habe meine Charaktere grob geplant, sie “leben” in meinem Kopf, haben alle eine eigene Persönlichkeit und daran baue ich meine Geschichte auf.

Kurz, bevor ich anfange, erstelle ich in meinem Schreibprogramm (Papyrus-Autor) eine Figurendatenbank – es genügen aber auch einfache Zettel. Dort wird alles, was ich zu meinen Charakteren weiß, wertungsfrei festgehalten.

 

Hier kristallisieren sich die ersten Personen heraus, die eventuell eher “Beiwerk” sind – doch das ignoriere ich.

 

Und dann schreibe ich. Wenn ich fertig bin, lege ich das Dokument meinem Alpha-Leser vor – so etwas solltet ihr euch auch suchen.

Ein Alpha-Leser ist die Person, die die absolute Rohfassung (von mir und Freunden liebevoll “rohes Mett” genannt) zu lesen bekommt. Er streicht rigoros alles an, was ihm auffällt.

 

Meist klappt dieser dann das Buch zu und gibt dir eine fundierte Kritik. Im Falle meines Mannes, der meinen Alpha-Leser-Posten übernimmt, endet das oft in eine Diskussion darüber, welche Szenen komplett nutzlos sind oder welche Charaktere keine wirkliche Rolle erfüllen.

 

So hat er, nachdem er “Emblem des Dämons” fertig gelesen hat, sofort angemerkt, dass er Destiny, meine Magierin, aus dem Roman streichen würde.

 

Was dann folgt, ist einfach: Innerlich stirbt man ein klein wenig.

 

Ja, ich meine es genauso, wie ich es sage.

Ich habe Destiny geliebt. Sie war - und ist – einer meiner liebsten Charaktere.

 

Ihr müsst euch, nachdem ihr so eine Kritik bekommt, mit eurem Charakter auseinandersetzen. Nachdem euer Alpha euch das überarbeitete Mett zurückgibt, setzt ihr euch hin und überdenkt die Kritik, die er euch gegeben hat. Wie sieht die Geschichte ohne den Charakter aus? Ändert sie sich?

 

Wenn ja: Schaut, ob die Rolle des Charakters deutlicher gemacht werden oder die Rolle ein anderer, wichtigerer Charakter, übernehmen kann.

Wenn nein: Raus damit.

 

Ehrlich, bei einem Nein solltet ihr diese Person streichen, so weh es tut.

In meinem Fall war es so, dass Destiny zwar gegen Ende des Romans eine wichtige Rolle besitzt, aber diese Funktion durch jeden anderen Charakter übernommen werden kann – also wird sie, sobald ich den Roman überarbeite, rausfliegen.

 

Eine weitere Möglichkeit: Zusammenfassungen und Charakteranalysen

 

Ich bin kein Fan von Exposés, ehrlich nicht. Dennoch finde ich, dass man aus ihnen interessante Erkenntnisse gewinnen kann.

 

Fasst eure Geschichte zusammen – nicht so professionell, wie ihr es bei einem Exposé machen würdet, sondern einfach grob die Handlung in Worten fassen. Schreibt eure wichtigsten Charaktere raus – euer angemarkerter, eventuell unnützer, Charakter ist nicht dabei? ... Werdet hellhörig und überdenkt seine Funktion.

 

Dasselbe gilt für Länder oder Waffen. Taucht die Waffe in eurer Zusammenfassung auf? Ist sie vielleicht der Grund, dass der Protagonist das Problem, um welches es geht, lösen kann? Dann darf sie bleiben – wenn nicht ... ihr kennt das Spiel: Raus damit!

 

Die Kunst, Kapitel zu streichen

 

Bei Kapiteln verhält sich die ganze Sache ein wenig anders. Immerhin fasst ihr die Handlung zusammen, nicht die Kapitel – aber halt.

Was, wenn ich euch sage, dass Letzteres eine gute Idee ist? Natürlich muss es sich hierbei nicht um einen zweiten Roman handeln, in welchem ihr alles zusammenfasst.

 

In Papyrus-Autor kann ich Kapitelnotizen in der Navigator-Leiste hinzufügen. Aber auch bei Word, LibreOffice und allen anderen Schreibprogrammen, die ich kenne (bei Apple bestimmt ebenfalls?), hat man die Möglichkeit, Anmerkungen an den Rand zu setzen. Ich schreibe zu jedem einzelnen Kapitel einen kurzen Kommentar, meist nur ein kurzer Satz.

So steht im Navigator zu meinem ersten Kapitel in “Wenn der Himmel fällt”: “Einführung des Charakters Ilianas, Verdeutlichung des Systems der Engel”.

 

Welchen Sinn das hat? Ganz einfach.

Ich weiß bei jedem Kapitel, was verfolgt wird. Welche Funktion es hat und welchen Nutzen für die Geschichte. Fällt mir bei der ersten groben Überarbeitung – schon bevor mein Alpha das Mett bekommt – auf, dass mir zu einem Kapitel keine wirkliche Zusammenfassung einfällt, markiere ich dieses Kapitel.

Fällt es meinem Alpha dann auch auf, fliegt es – wenn nicht, bleibt es ... vorerst.

 

Lasst euch bitte nicht dazu verleiten, sofort jedes eurer Kapitel zu hinterfragen. Denkt darüber nach und schreibt euer Buch erst einmal komplett fertig. Manchmal haben die Kapitel für die Story keine wirkliche Funktion, aber für euch als Autor. Manchmal benötigt ihr sie, um näher an euren eigenen Charakteren zu sein.

 

Das ist gut, aber irgendwann müsst ihr euch trotzdem trennen.

 

Testleser – eine weitere Gefahrenquelle für eure Darlings

 

Ganz am Schluss, nachdem ihr die Fassung eures Alphas überarbeitet habt, gebt ihr euren Roman (hoffentlich) ein paar Testlesern. Diese lesen eure überarbeitete Beta-Fassung und teilen dir (ebenfalls hoffentlich) mit, was ihnen auffällt.

Sollte einer vor zehn Lesern der Meinung sein, etwas ist unnötig, solltet ihr nicht so hellhörig werden, wie wenn es neun von zehn sagen.

 

Danach geht ihr ein weiteres Mal über euren Roman – und dann ist er auch bereit, abgeschickt zu werden.

 

Das Lektorat – was bis hierhin nicht gekillt wurde … wird es jetzt.

 

Zum Abschluss dieses Blog-Eintrages ein paar Worte dazu.

Wenn euer Buch bei einer Agentur oder einem Verlag genommen wird und der Lektor euch sagt, dass ihr weitere “Darlings” töten sollt – seid nicht stur. Versucht, ihm zu erklären, warum dieser Darling wichtig ist, aber lenkt ein, wenn ihr feststellt, dass euer Lektor im Recht ist.

 

Normalerweise wissen solche Menschen, was sie tun. Und manchmal muss man eben ein klein wenig mit seinen Darlings sterben, um das Beste aus seinem Werk herauszuholen.

 

Zum Abschluss:

 

Puh, was für ein langer, langer Beitrag – ich hoffe, ich konnte euch damit das Thema ein wenig näherbringen.

 

Wie sieht es bei euch aus? Fällt es euch genauso schwer wie mir, eure Darlings zu “töten”? Schreibt es mir gerne in die Kommentare!

 

Eure

Nathalie

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